„Man kann nicht immer
konsequent sein“
Zweisprachige Erziehungsprozesse
In
die folgenden Ausführungen sind Ergebnisse einer empirischen Studie
eingeflossen, in der hundert Mütter aus griechisch-deutschen Familien
interviewt wurden: griechische Mütter in Deutschland und deutsche Mütter
in Griechenland, d.h., dass die Mutter jeweils die Nichtumgebungssprache
sprach. Zur generellen Frage: Wie erwerben Kinder Sprache:
www.sprachfoerderung.info
Die Methode „eine Person – eine Sprache“ besagt, dass jedes
Elternteil eine andere Sprache (meist seine eigene Muttersprache) mit dem
Kind spricht. Für eine griechisch-deutsche Familie in Deutschland würde
das bedeuten, dass die griechische Mutter mit ihrem Kind griechisch, und
der deutsche Vater deutsch spricht. Von der Sinnhaftigkeit dieser Methode
sind die meisten der betroffenen Eltern grundsätzlich überzeugt: Fast
alle (hier: 97%) sind der Meinung, dass Mutter und Vater mit ihrem Kind
grundsätzlich ihre eigene Muttersprache sprechen sollten, und dass eine
konsequente Anwendung der Methode „eine Person – eine Sprache“ den
Spracherwerbsprozess des Kindes unterstützt (hier: 75%).
Die praktische
Umsetzung ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, die vor allem das
Elternteil betreffen, welches die Sprache spricht, die nicht Sprache des
Landes ist, in dem die Familie lebt – die sog. Nichtumgebungssprache. Ein
Großteil (hier: 83%) von ihnen spricht zwar in den ersten Lebensjahren
des Kindes noch konsequent mit ihm die diese Sprache. Viele von ihnen
(hier: 66%) werden jedoch mit der Zeit inkonsequent und sprechen mit
ihrem Kind zunehmend die Umgebungssprache. Insbesondere die Anwesenheit
von Personen, die die Nichtumgebungssprache nicht verstehen, führt in
vielen Fällen (hier: 64%) zu einem Wechsel in die Sprache der Umgebung.

Die Diskrepanz
zwischen dem eigenen Anspruch an das Spracherziehungsverhalten und den
Schwierigkeiten seiner praktischen Umsetzung wird von den Betroffenen
häufig als Konflikt empfunden, der sich in einem Gefühl der
Unzufriedenheit, der Schuld und des Versagens niederschlägt: 93%
der konsequenten Mütter geben an, sehr zufrieden mit dem gesamten Verlauf
des zweisprachigen Entwicklungs- und Erziehungsprozesses sind, dagegen
nur 43% der Inkonsequenten.
Eine deutsche Mutter in
Thessaloniki:
"Ich bin nicht sehr zufrieden. Ich bin selbst schuld, denn ich spreche
selbst auch viel griechisch mit den Kindern. Ich müsste mich mehr
dahinter klemmen."
Eine griechische Mutter
in München:
"Ich habe immer mehr deutsch gesprochen. Im nachhinein ist die Trauer
massiv und das Bedauern tief, dass meine Kinder mit mir nicht griechisch
sprechen. Mit meiner vierten Tochter habe ich dann sehr viel griechisch
gesprochen."
Ursachen sowohl für
die Schwierigkeit, die Methode konsequent umzusetzen, als auch für das
Gefühl der Unzufriedenheit sind zum einen in Persönlichkeitsmerkmalen,
wie z.B. Umgang mit Höflichkeitsformen, Selbstbewusstsein, der
persönliche Bezug zum Herkunftsland zu suchen. Aber auch zahlreiche
äußere Faktoren haben einen Einfluss:
Die geringen
Griechischkenntnisse eines deutschen Vaters in einer griechisch-deutschen
Familie können mit der Zeit dazu führen, dass die griechische Mutter in
seiner Gegenwart deutsch anstatt griechisch mit dem Kind spricht (hier:
in 77% der Fälle): Im Alltag ist es einfacher, direkt für alle
verständlich deutsch zu sprechen, als sich dem Kind gegenüber in
griechisch zu äußern und das Gesagte anschließend für den Partner zu
übersetzen.
Bei guten
Sprachkenntnissen des Partners entfällt dagegen die Notwendigkeit der
Übersetzung, was wiederum die Verwendung der griechischen Sprache
innerhalb der Familie vereinfacht.
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Sprachliche
Zusammensetzung des sozialen Netzwerkes
Ein konsequentes
Spracherziehungsverhalten wird durch ein soziales Netzwerk erschwert, in
dem ein Großteil der Personen nur die Umgebungssprache versteht und
spricht. Viele fühlen sich ausgeschlossen oder empfinden es als
unhöflich, wenn in ihrer Gegenwart eine Sprache gesprochen wird, die sie
nicht verstehen (egal, ob das gesagte sie betrifft oder nicht). In
derartigen Situationen wechseln viele Eltern (hier: 64%) auch im Gespräch
mit ihrem Kind in die Sprache der Umgebung.
In Gegenwart von
Personen, die selbst die Nichtumgebungssprache sprechen, ist ihre
Verwendung dagegen ganz natürlich und selbstverständlich. Kontakte zu
ihnen unterstützen ein konsequentes Spracherziehungsverhalten und eine
generelle Zufriedenheit mit der zweisprachigen Lebenssituation.
Zweisprachigkeit
im Kontext sozialer Netzwerke
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Kontakte zu
Personen, die selbst Erfahrung mit Zweisprachigkeit haben
Kontakte zu
Personen, die selbst Erfahrungen mit Zweisprachigkeit haben – sei es,
weil sie selbst zweisprachig sind, oder weil sie auch in einer
gemischtsprachigen Ehe leben – wirken sich sowohl auf das konsequente
Spracherziehungsverhalten als auch auf die allgemeine Zufriedenheit mit
der zweisprachigen Situation positiv aus: In ihrer Gegenwart wird
Zweisprachigkeit als Normalität erlebt, werden Spracherziehungsmodelle,
Ratschläge und Informationen geboten und generell das Gefühl vermittelt,
dass schwierige Phasen des zweisprachigen Entwicklungs- und
Erziehungsprozesses keine Ausnahme darstellen.
Zweisprachigkeit
im Kontext sozialer Netzwerke
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Ein hoher Anteil an
generell positiv eingestellten Netzwerkpersonen unterstützt sowohl das
konsequente Verhalten der Eltern als auch ihre Zufriedenheit.
Zweisprachigkeit
im Kontext sozialer Netzwerke
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98% der deutschen
Mütter in Griechenland erlebten eine ausdrückliche Wertschätzung ihrer
Muttersprache („Ah, Ihr Kind lernt deutsch! Das ist aber toll!“),
griechische Mütter in Deutschland dagegen nur zu 68%. Sie erfuhren mit
43% eine ablehnende Haltung („Was soll das Kind denn mit Griechisch?“) –
deutsche Mütter in Griechenland nur zu 18%. Auch die negativen Meinungen,
im Land sei nur die Landessprache wichtig (GR: 33%, D: 52%) und
Zweisprachigkeit sei eine Überforderung für das Kind (GR: 48%, D: 88%),
wurden den griechischen Müttern in Deutschland gegenüber häufiger
geäußert.
Ein hohes
Sprachprestige beeinflusst das konsequente Spracherziehungsverhalten
und die Zufriedenheit der Eltern mit dem gesamten Verlauf des
zweisprachigen Entwicklungs- und Erziehungsprozesses: In Griechenland
verhalten sich 33% der Mütter konsequent und 63% sind sehr zufrieden. In
Deutschland verhalten sich dagegen nur 20% konsequent und 48% sind sehr
zufrieden.
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Verweigerung des
Gebrauchs der Nichtumgebungssprache durch das Kind
Kinder verweigern
häufig (hier: zu 76%) indirekt oder direkt den Gebrauch der
Nichtumgebungssprache, also z.B. des Deutschen in Griechenland. Dieses
Verhalten steht in einem wechselseitigen Zusammenhang mit dem
Spracherziehungsverhalten: Spricht die deutsche Mutter ihr Kind auf
deutsch an, und dieses antwortet auf griechisch, hat dies oft (hier: in
46% der Fälle) zur Folge, dass nun auch die Mutter in die griechische
Sprache wechselt. Umgekehrt fordert die Inkonsequenz der Mutter
diejenige des Kindes heraus.
Eine deutsche Mutter in Thessaloniki:
"Sie hat angefangen, griechisch mit mir
zu sprechen. Ich habe versucht, beim Deutschen zu bleiben, aber ich bin
zunehmend auch zum Griechischen gekommen."
Zweisprachige
Entwicklung
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Förderung der
Nichtumgebungssprache in Kindergarten und Schule
Die sprachliche
Ausrichtung von Kindergarten und Schule hat einen indirekten und einen
direkten Einfluss auf das Spracherziehungsverhalten der Eltern: Die
Feststellung, dass im Kindergarten ausschließlich die Umgebungssprache
gesprochen wird, ist bei vielen Kindern (hier: 84%) der ausschlaggebende
Moment, den Gebrauch der Nichtumgebungssprache zu verweigern, was
wiederum eine konsequente Verwendung der Nichtumgebungssprache erschwert:
Der Prozentsatz konsequenter Mütter ist in einsprachigen Kindergärten mit
16% deutlich geringer als in zweisprachigen (53%): Hier erleben die
Kinder Zweisprachigkeit als etwas normales und Verweigerungen treten
seltener auf (hier: in 58% der Fälle).
Hinzu kommt, dass
in einer zweisprachigen Einrichtung beide Sprachen gleichberechtigt
gefördert werden. Dadurch wird dasjenige Elternteil, welches die
Nichtumgebungssprache in der Familie vertritt, entlastet: es liegt nicht
mehr allein in seiner Verantwortung, ob und wie gut das Kind die Sprache
erwirbt.
Zudem wird hier
fachkompetente Beratung durch erfahrene Erzieher/innen geboten sowie
Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zu Eltern, die sich in einer ähnlichen
spracherzieherischen Situation befinden.
All dies schlägt
sich auch in der Zufriedenheit der betroffenen Eltern mit dem gesamten
Prozess der zweisprachigen Entwicklung und Erziehung nieder: der
Prozentsatz sehr zufriedener Mütter ist im zweisprachigen Kindergarten
(hier: 90%) wesentlich höher als im einsprachigen (hier: 43%).
Mehrsprachigkeit im Bildungssystem
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