„Machst Du mir die τσάντα zu?“
Sprachen in Kontakt
Die folgenden Beispiele stammen von griechisch-deutsch aufwachsenden
Kindern eines zweisprachigen Kindergartens in Griechenland (Leist, 1996;
1999).
Es ist ein verbreitetes Vorurteil, dass zweisprachig aufwachsende Kinder
keine Sprache richtig lernen, und daher ihre Sprachen miteinander
vermischen. Und in der Tat scheint es auf den ersten Blick zahlreiche
Belege für dieses Vorurteil zu geben, man braucht nur zweisprachigen
Kindern eine Zeitlang zuzuhören... Analysiert man jedoch die Umstände und
Prozesse, die zu gemischtsprachigen Äußerungen von Kindern führen, stellt
man bald fest, vorschnell geurteilt zu haben. Mit den folgenden
Ausführungen soll für die Wahrnehmung dieser Zusammenhänge und Prozesse
sensibilisiert werden.
Für die Analyse des Umgangs Zweisprachiger mit ihren Sprachen können die
Konzepte
verwendet werden. Diese ursprünglich eher sprachzentrierten Konzepte wurden
von den verschiedenen, sich mit Zweisprachigkeit beschäftigenden
Disziplinen (Pädagogik, Psychologie, Anthropologie etc.) übernommen und um
eine prozess- und individuumszentrierte Komponente erweitert: So
interessiert in den Analysen neben der eigentlichen Äußerung des
zweisprachigen Kindes vor allem der Kontext und der Prozess, der zu dieser
Äußerung geführt hat, sowie die Funktion, die diese in der jeweiligen
Situation erfüllt. Die Konzepte codeswitching, Sprachmischung und
Interferenz werden im Folgenden anhand einiger Beispiele von
griechisch-deutschsprachigen Kindern veranschaulicht.
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Codeswitching bezeichnet das funktionale Umschalten von einer Sprache in
die andere innerhalb einer Äußerung, mit dem Ziel, verstanden zu werden.
Auslöser können sprachinterne und außersprachliche Faktoren sein. Eine
sprachinterne Ursache ist das Fehlen von Begriffen in der gerade
gesprochenen Sprache:
Stef (4;5) spielt in der Küche und „backt“ dort griechische Süßigkeiten
(γλυκά) für die es in Deutschland, und somit auch in der deutschen Sprache
keine Entsprechung gibt. Er sagt: „Wir haben gemacht γλυκά!“
Stef setzt hier in den deutschen Satz das griechische Wort γλυκά ein, das
wörtlich übersetzt "Süßes" bedeutet. Der Begriff "Süßes" ist aber hier zu
allgemein, denn Stef möchte ausdrücken, dass es sich um eine bestimmte Art
von Süßigkeiten handelt (die es in Deutschland nicht gibt und infolge
dessen auch nicht mit einem deutschen Wort bezeichnet werden kann), und
dies kann er nur mit dem Wort γλυκά. Das Umschalten in die griechische
Sprache hat also hier die Funktion des Sich-präzise-Ausdrückens.
Eine außersprachliche Ursache für das codeswitching ist die Anwesenheit
verschiedensprachiger bzw. einsprachiger Personen. In dem Bestreben,
wirklich von allen gehört und verstanden zu werden, fügen zweisprachige
Kinder häufig an ihre Äußerung die Übersetzung in der anderen Sprache an:
Die Kindergartenkinder warten auf den Kuchenverkaufstand der Schulkinder.
Mar (5,3) hat Schulkinder mit Kuchenplatten gesehen und ruft aufgeregt in
den Gruppenraum: „Έρχεται! Kommt!“
Chri (6;1) zu Stef (4;8) (beide zweisprachig) während eines Spiels: „Όχι!!
Nein!!“
Dass der Sprachgebrauch anderer Personen die Kinder zu einem Sprachwechsel
veranlassen kann, zeigen die folgenden Beispiele. Auch hier ist die
Funktion des Umschaltens das Ziel, verstanden zu werden. Es zeigt sich
außerdem ein sensibles Eingehen auf die sprachlichen Bedürfnisse des
Gesprächspartners, nach denen die Kinder sich richten:
Pol: (4;0): „Πάμε στην εκκλησία!“ („Wir gehen zur Kirche!“)
An: „Τί;“ („Was?“)
Pol: „Πάμε στην εκκλησία!“
An: „Was?“
Pol: „Wir gehen zur Kirche!“
Mar (5;3): „Εγώ είμαι η αστυνομία!“
An: „Was?“
Mar: „Ich bin die Polizei!“
Ein funktionales Umschalten zwischen den Sprachen ist auch in Situationen
zu beobachten, in denen die Kinder meinen, das andere (zweisprachige!) Kind
versteht sie in der anderen Sprache besser. Im folgenden Beispiel soll Pol
(4;0) während eines Kreisspieles Sof (5;5) etwas in Ohr flüstern, flüstert
aber in eine andere Richtung. Sof versucht zunächst, Pol durch mehrmaliges
Wiederholen der Anweisung auf Deutsch auf ihren Fehler hinzuweisen, und
schaltet schließlich ins Griechische um:
Sof: „Ins Ohr!“
Pol: flüstert in woanders hin
Sof: „Ins Ohr!“
Pol: flüstert in woanders hin
Sof (laut, ungeduldig): „Στο αυτί μου!!“ („In mein Ohr!!“)
Weitere außersprachliche Ursachen für codeswitching sind Themen, die eng
mit einer bestimmten Sprache verbunden sind, wie z.B. Gegenstände des
einsprachigen Unterrichtes oder Situationen, die in der betreffenden
Sprache stattfanden, und die daher auch in dieser Sprache am effektivsten
besprochen werden können.
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Im Gegensatz zum codeswitching erfüllt die Sprachmischung keine Funktion
innerhalb des Gespräches. Die häufigste Ursache ist die in dem Moment
stärkere Präsenz des Wortes in der anderen Sprache, weil dieses zuerst
erlernt wurde, oder weil es öfter verwendet wird.
Pol (4;0, zweisprachig): „Θέλεις Saft;“ („Möchtest Du Saft?“)
Kos (5;6, einsprachig): „Τί;“ („Was?“)
Pol: „Θέλεις Saft;”
Kos: „Τί;“
Pol (ruft jetzt laut): „Θέλεις Saft! Saft! Πορτοκαλάδα!“
(„Möchtest Du Saft! Saft! (dann auf griechisch:) Saft!“)
Pol merkt offensichtlich zunächst nicht, dass sie ein für Kos
unverständliches Wort verwendet hat. Das Hinzufügen des griechischen Wortes
(übrigens nicht der korrekten Übersetzung für Saft, die eigentlich „χυμός“
wäre. Ursache dafür könnte dieselbe sein, die zu der Sprachmischung führte:
Die häufigere Verwendung und stärkere Präsenz des Wortes πορτοκαλάδα. Eine
andere mögliche Erklärung ist, dass die Sprachmischung überhaupt erst
entsteht, weil Pol das griechische Wort für Saft nicht kennt, sich aber
korrekt ausdrücken möchte) kann ein Zeichen dafür sein, dass ihr bewusst
wurde, dass sie hier das griechische, und nicht das deutsche Wort benutzen
sollte. Es kann sich aber auch um eine Doppelung handeln, bei der Pol,
nachdem sie nicht verstanden wird, das Wort Saft einfach in der anderen
Sprache wiederholt, ohne genau zu wissen, dass es sich bei dem Satz „Θέλεις
Saft“ um eine Vermischung der Sprachen handelt, und welches Wort zu welcher
Sprache gehört.

Diese Überlegungen führen zu einem sehr wichtigen Aspekt der Sprachmischung
im Vorschulalter: Kinder in diesem Alter können noch nicht immer bewusst
die einzelnen Sprachelemente der jeweils zugehörigen Sprache zuordnen.
Diese Sprachentwicklungsphase – sog. „naive Sprachmischungen“ – durchlaufen
die meisten zweisprachig aufwachsenden Kinder. Beobachtungen deuten darauf
hin, dass zweisprachige Kinder zunächst von einem Sprachsystem und
entsprechend von einem großen, gemischten Wortschatz ausgehen. Dafür
spricht u.a., dass sie sich zunächst kaum Äquivalente aneignen, sondern für
die meisten Dinge zunächst nur ein Wort in einer der beiden Sprachen
erwerben. Einige Beispiele für naive Sprachmischungen sind:
Mal (4;7): „Das ist eine Burg und das ist eine βροχή (Regen).“
Pan (4;0): „Machst Du mir die τσάντα (Tasche) auf?“
Sof (5;5): „Θέλω να φτιάξω ένα Mädchen.“
(„Ich möchte ein Mädchen machen [hier: malen]“)
Die folgenden Zitate zeigen, dass die Kinder durchaus in der Lage sind, das
„eingemischte“ Wort durch eines der momentan gesprochenen Sprache zu
ersetzten, wenn sie einen entsprechenden Impuls von außen erhalten und sich
überdies oft bewusst um Einhaltung der Sprachentrennung bemühen:
Pol (4;0): „Ich hab kein φαγητό!“
Joh: „Wie bitte?“
Pol: „Ich hab kein Essen!“
Stef (4;5): „Wir haben einen Kuchen gemacht. Wie heißt griechisch αλεύρι
(Mehl)? Nein, wie heißt deutsch αλεύρι?“
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Interferenz bezeichnet die gegenseitige Beeinflussung der unterschiedlichen
Regeln der beiden Sprachen. Interferenzen können z.B. auf lexikalischer
Ebene auftreten, wobei die Ursache häufig das Bemühen ist, in der momentan
gesprochenen Sprache eine Entsprechung zu einem Wort der anderen Sprache zu
finden:
Mar (5;3) sagt über ein kaputtes Instrument: „Das schmeißen wir.“ Ursache
hierfür ist vermutlich der griechische Ausdruck „Το πετάμε“, in dem keine
Vorsilbe (weg) enthalten ist.
Ebenfalls Mar sagt: „Johanna, komm ein bisschen!“, was einer wörtlichen
Übersetzung von „Έλα λίγο!“ entspricht.
Ein Beispiel für grammatikalische Interferenz ist die Verwendung des
Fragepronomens „Warum“ als kausale Konjunktion „weil“, die darauf
zurückgeführt werden kann, dass im Griechischen das Wort „γιατί“ sowohl als
Fragepronomen, als auch als kausale Konjunktion verwendet wird:
Sof (5;5): „Der hat die eine Backe ganz, ganz dick.“
An: „Warum denn?“
Sof: „Warum der hat was im Mund.“
Mar (5;3): „Der macht die Zähne so.“
An: „Warum?“
Mar: „Warum... warum der will.“
Beispiele für Interferenzen auf syntaktischer Ebene sind:
Stef (4;5): „Johanna, die Mama ist schon draußen?“:
Entspricht dem griechischen Satzbau: „Η μαμά είναι κιόλας έξω;“
Mar (5;3): „Johanna, komm ein bisschen!“:
Entspricht einer wörtlichen Übersetzung von griechisch „Έλα λίγο!“.
Es gibt jedoch zahlreiche Beispiele, in denen die gewählte Syntax mit
keiner der beiden Sprachen übereinstimmt:
Pol (4;0): „Das ist deins?“
anstatt deutsch: Ist das deins?
anstatt griechisch: Δικό σου είναι; =Deins ist das?
Chri (6;1): „Der Stefan kann auch [spielen]?“
anstatt deutsch: Kann der Stefan auch?
anstatt griechisch: Μπορεί και ο Στέφανος; = Kann auch der Stefan?
Es zeigt sich also, dass viele von der Norm der jeweiligen Sprache
abweichenden Äußerungen auf die Zweisprachigkeit zurückgeführt werden
können, dass die Ursachen aber auch in anderen Bereichen der
Sprachentwicklung zu suchen sind.
Die Beispiele zu Sprachmischung, codeswitching und Interferenz
dokumentieren, dass die Sprachen nicht willkürlich vermischt oder
gewechselt werden. Sie sind vielmehr Ausdruck eines
sprachentwicklungsbedingten und eines kreativen Umgangs zweisprachiger
Kinder mit ihren Sprachen – und als solche sollten sie auch wahrgenommen
werden. Die besondere, kritische Aufmerksamkeit, die der Sprachentwicklung
zweisprachiger Kinder in Familie und Kindergarten häufig zuteil wird, und
die sich z.B. in einem übertriebenen Verbessern von Fehlern zweisprachiger
Kinder äußert, trägt nicht dazu bei, dass die Kinder ausgewogene, ihrer
momentanen Sprachentwicklungsphase entsprechende Umgangsformen mit ihrer
Zweisprachigkeit und dem daraus entstehenden Sprachkontakt entwickeln.
Nur eine prozessorientierte und individuumszentrierte Sichtweise auf die
Sprachentwicklung zweisprachiger Kinder ist dazu geeignet, den
vielfältigen, kreativen und individuell ganz unterschiedlichen
Umgangsformen mit Zweisprachigkeit gerecht zu werden.
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