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"Machst Du mir
die τσάντα zu?" Sprachen in Kontakt
der Verfasserin dieser Seite:
"Man kann nicht
immer konsequent sein." Zweisprachige Erziehung Fortbildung
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Zweisprachigkeit ist...
...
zwei
Sprachen zu verstehen und zu sprechen ... zwei Sprachen miteinander zu vermischen ... in zwei Sprachen zu denken und zu fühlen ... Gestik, Mimik und Melodie zweier Sprachen zu gebrauchen ... sich in zwei Sprachkulturen zu bewegen ... begleitet von unterschiedlichen Rahmenbedingungen ... Voraussetzung für Handlungsfähigkeit ... eine Ressource ... in Europa zur Normalität geworden – im Bildungssystem dagegen nicht...
... zwei Sprachen zu verstehen und zu sprechenLebt die zweisprachige Person nicht in einem Land, welches selbst zwei- oder mehrsprachig ist (z.B. Luxemburg), spricht sie eine Umgebungssprache (die Sprache des Landes, in dem die Person lebt, z.B. Griechisch in Griechenland, Deutsch in Deutschland) und eine Nichtumgebungssprache (eine Sprache, die nicht die Landessprache ist, z.B. Deutsch in Griechenland, Griechisch in Deutschland). Wie sich das „Verstehen und Sprechen“ dieser beiden Sprachen gestaltet, ist individuell sehr unterschiedlich. Es hängt von den äußeren Rahmenbedingungen ab, unter denen sich ein zweisprachiger Mensch entwickelt und davon, wie er selbst mit seinen zwei Sprachen umgeht. Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ab welchem Grad des Verstehens und des Sprechens ein Mensch als zweisprachig zu bezeichnen ist. Zweisprachige selbst sagen oft, dass Zweisprachigkeit für sie bedeutet, in zwei Sprachen zu denken und zu fühlen. Auch die Frage, wie die zwei Sprachen „innerhalb“ der Person organisiert sind, wird kontrovers diskutiert. Einsprachige haben häufig die Vorstellung, dass die Sprachen eines zweisprachigen Menschen gänzlich voneinander getrennt sind und sich gegenseitig nicht beeinflussen (dürfen). Dem Empfinden vieler Zweisprachiger entspricht das Modell des „Sprachkontaktes“, nach dem es ganz natürlich ist, dass die Sprachen „innerhalb“ der Person miteinander in Kontakt treten. Dies kann sich darin äußern, dass die Person in zwei Sprachen denkt oder die Sprachen vermischt. Derartige Phänomene mögen aus einsprachiger Sicht falsch oder unzulässig sein – für zweisprachige Menschen sind sie Ausdruck eines lebendigen Umgangs mit ihren vielfältigen sprachlichen Mitteln.
... eine starke und eine schwache Sprache zu sprechenBei zweisprachigen Menschen sind selten beide Sprachen in gleicher Art und Weise ausgebildet. Meist haben sie eine starke und eine schwache Sprache. Welche Sprache stark und welche die schwächere ist, kann von unterschiedlichen Faktoren abhängen:
Die Zweisprachigkeit einer Person ist also etwas dynamisches: Der Stellenwert der Sprachen und der Grad ihrer Beherrschung kann sich im Laufe eines Lebens je nach Umfeld, Vorlieben, Aufenthaltsort etc. mehrmals verändern.
... zwei Sprachen miteinander zu vermischenSprachmischungen, d.h. die Verwendung beider Sprachen innerhalb einer Äußerung („Ich möchte ψωμί (Brot)“) wird von einsprachigen Menschen manchmal als Zeichen dafür angesehen, dass die Person keine der beiden Sprachen richtig beherrscht. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch:
... in zwei Sprachen zu denken und zu fühlenMenschen, die von Geburt an mit zwei Sprachen aufgewachsen sind oder später eine zweite Sprache sehr intensiv erworben haben, denken auch in zwei Sprachen – abwechselnd in der einen und der anderen oder auch gemischt. Anders als im Gespräch muss man sich in Gedanken nicht nach den Sprachkenntnissen eines anderen Menschen richten ... oder darum, was andere denken, wenn man eine Sprache spricht, die sie nicht verstehen ... und kann alle sprachlichen Mittel, die einem zur Verfügung stehen, nach Lust und Laune einsetzen. Gerade Gefühle lassen sich in unterschiedlichen Sprachen auf ganz verschiedene Weise ausdrücken. Das Liebkosen eines Babys oder das Verfluchen eines Autofahrers klingt auf griechisch ganz anders als auf deutsch – und fühlt sich auch anders an!
... Gestik, Mimik und Melodie zweier Sprachen zu gebrauchenSprache besteht neben Wörtern auch aus Gestik, Mimik und Melodie. Das ist besonders im Umgang mit kleinen Kindern von Bedeutung, die nonverbale Elemente in der Kommunikation viel stärker als Erwachsene wahrnehmen. Sprachen unterscheiden sich untereinander hinsichtlich
Bei zweisprachigen Menschen kann man beobachten, dass sie mit Wechsel der Sprachen durch Übernahme der verschiedenen Gesten und Melodien auch ihren gesamten Habitus ändern. Sie wirken dann „wie ein anderer Mensch“ – und fühlen sich oft auch so... Es gibt Hinweise darauf, dass das Aufwachsen mit zwei Systemen von Gestik, Mimik und Melodie die Entwicklung einer erhöhten Sensibilität für nonverbale Kommunikation unterstützt (Leist, 1996).
... sich in zwei Sprachkulturen zu bewegenMan stelle sich vor, ein kleines Kind zeigt auf einen korpulenten Mann und sagt laut: „Der ist aber dick!“ Das Kind hat sich sowohl der Wortwahl und Grammatik als auch der Gestik korrekt bedient – und wird dennoch kein Lob für seine Äußerung erhalten, denn: Neben Worten, Gestik und Mimik sind in zwischenmenschlicher Kommunikation auch sprachkulturelle Konventionen von Bedeutung: Was darf man sagen, und was nicht? Wie grüßt man sich unter welchen kulturellen und kontextuellen Umständen (z.B. die Beziehung der Gesprächspartner zueinander betreffend, oder den Anlass ihrer Kommunikation)? Wie nahe kommt man seinem Gegenüber im Gespräch?
Die Antworten auf diese Fragen fallen je nach sprachkulturellem Hintergrund unterschiedlich aus. Kinder, die von Geburt an zweisprachig aufwachsen, erwerben somit nicht nur zwei Verbalsprachen, und zwei Systeme von Gestik und Mimik, sondern auch zwei u.U. sehr unterschiedliche Systeme von Konventionen. Die frühe Erfahrung mit diesen unterstützt die Entwicklung einer Sensibilität für Konventionen und nonverbales – Fähigkeiten, die in der interkulturellen Kommunikation und damit für ein Leben in Europa von großer Bedeutung sind.
... keine ÜberforderungIn den 60er Jahren gab es die Meinung, dass Zweisprachigkeit eine Überforderung sei: Der Erwerb zweier Sprachen belaste das Gehirn zuungunsten anderer kognitiver Leistungen und könne darüber hinaus zu Schizophrenie führen. Diesen Vorurteilen zugrunde lag zum einen die Vorstellung, dass Sprache – Nation – Weltbild unmittelbar miteinander verknüpft sind, und ein Mensch mit zwei Sprachen auch zwei u.U. sich widersprechende Weltbilder erwirbt. Zum anderen ergaben Intelligenztests bei zweisprachigen Kindern niedrigere Werte als bei einsprachigen. Diese Untersuchungen waren jedoch forschungsmethodisch höchst undifferenziert – die Vergleichsgruppen waren z.B. hinsichtlich sozialer Faktoren einander nicht angeglichen – und es wurde nicht klar definiert, ab wann ein Kind als zweisprachig zu bezeichnen war. Nachfolgende Untersuchungen zeigten andere, gegenteilige Resultate, nach denen zweisprachige Kinder höhere Intelligenzwerte erzielten, als einsprachige. Abgesehen von der Frage nach der Aussagekraft von Intelligenztests generell deutet tatsächlich vieles darauf hin, dass der Erwerb zweier Sprachen ein höheres Sprachbewusstsein hervorrufen kann, welches letztendlich auch die Fähigkeit zum abstrakten Denken unterstützt. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür, dass Kinder durch den Erwerb von zwei Sprachen überfordert sind, im Gegenteil. Aber: Sehr wohl können die Rahmenbedingungen die den Erwerb der Sprachen begleiten, ein Kind überfordern!
... begleitet von unterschiedlichen RahmenbedingungenDiese sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich:
Der Erwerb zweier Sprachen von Geburt an
stellt als solcher keine Überforderung für ein Kind dar. Jedoch können
ungünstige Rahmenbedingungen – z.B. ein generell spracharmes Umfeld;
häufig wechselnde Erziehungsmethoden; geringe Kompetenzen der Eltern in
der Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist; wenig Kontakte zu
Personen, die die Nichtumgebungssprache sprechen; ein negativ
eingestelltes Umfeld; ein geringes Sprachprestige; keine institutionelle
Unterstützung – ein zweisprachig aufwachsendes Kind in der Tat
überfordern.
Insgesamt zeigt
sich: Die Zweisprachigkeit gibt es nicht, vielmehr eine Vielzahl
unterschiedlicher Bedingungen, unter denen Kinder zweisprachig
aufwachsen. Eltern sollten sich diese bewusst machen, wenn sie
Entscheidungen über die zweisprachige Erziehung ihres Kindes treffen
möchten.
Erzieher/innen
sollten dem Umgang mit zweisprachigen Kindern und in der Beratung der
Eltern eine individuumsbezogene Sichtweise zugrunde legen.
...Voraussetzung für HandlungsfähigkeitEin Kind, das (aus welchen Gründen auch immer) in einer zweisprachigen Lebenswelt aufwächst, braucht beide Sprachen, um in beiden sprachlichen Umfeldern handlungsfähig zu sein und partizipieren zu können. Dies wird in Diskussionen um Zweisprachigkeit leider häufig übersehen.
... eine RessourceZwei oder mehr Sprachen fließend sprechen zu können, das ist im heutigen Europa eine individuelle und gesellschaftliche Ressource. Je mehr Sprachen ein Mensch spricht, desto mehr Zugänge zu den einzelnen Ländern eröffnen sich ihm. Aber auch unabhängig von den konkreten Sprachen erwerben Kinder, die zweisprachig aufwachsen, interkulturelle Kommunikationskompetenz: Sie lernen von Geburt an einen selbstverständlichen Umgang mit verschiedenen Sprachgruppen.
... in Europa zur Normalität geworden – im Bildungssystem dagegen nicht ...Frühkindliche Zweisprachigkeit stellt im vereinten Europa längst keine Ausnahme mehr dar. Durch flexible Wahl des Arbeitsortes, wirtschaftliche Kooperationen über nationale Grenzen hinweg, Wanderungsbewegungen und durch Angehörige der zweiten und dritten Einwanderergeneration kommt es mit steigender Tendenz dazu, dass Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher Muttersprache geschlossen werden: In Deutschland waren im Jahr 1991 3% aller Ehen mit Kindern unter 18 Jahren binational, 2001 waren es bereits 4,5%, 2004 6% und 2005 7,5%. Im Jahr 2005 wurde jede siebte Ehe in Deutschland zwischen Partnern deutscher und nicht-deutscher Herkunft geschlossen, und ebenfalls jede siebte Ehe zwischen zwei Partnern nicht-deutscher Herkunft. So entstehen immer häufiger zweisprachige Umwelten, in die Kinder hineingeboren, in denen sie sich entwickeln und in denen sie sozialisiert werden. Im Jahr 2005 wuchsen allein in Deutschland 1.201.00 Kinder in binationalen Familien auf, das sind 7,5% aller Kinder unter 18 Jahren. Betrachtet man allein die unter Sechsjährigen, so sind es sogar 13%, die in diesem für den Spracherwerb entscheidenden Alter in binationalen Familien aufwuchsen. Hinzu kommen 13% in Familien mit zwei Partnern nicht-deutscher Herkunft. Insgesamt wuchsen somit im Jahr 2005 26% aller unter sechsjährigen Kinder in Deutschland potentiell zweisprachig auf (Statistisches Bundesamt, 2007).
Eine logische
Konsequenz daraus wäre, auch das Bildungssystem stärker mehrsprachig
auszurichten, um zweisprachig aufwachsende Kinder adäquat und effektiv in
ihrer Gesamtentwicklung zu fördern. Obwohl es vereinzelt zweisprachige
Kindergärten und Schulen gibt, setzte sich dieses Modell nicht durch: Nur
die Sprachen, denen ein hohes Prestige (Englisch, Französisch)
zugeschrieben wird, sind im Bildungssystem wie selbstverständlich
vertreten. So kommt es zu dem Paradoxum, dass die Sprachkenntnisse von
Kindern, die bereits zweisprachig sind, wenn sie in den Kindergarten
kommen, nicht systematisch gefördert werden und u.U. mit der Zeit
verkümmern. Gleichzeitig müssen sich alle Kinder darum bemühen, eine
Fremdsprache zu lernen.
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